Alte Kameraden

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

©

Früh am Morgen drehte ich mit dem Hund eine Runde durch den Klauberg, und mir begegnete ein Schulkamerad aus alten Tagen. Asbeck war in der Parallelklasse des Gymnasiums gewesen, mehr hatten wir nicht miteinander zu tun gehabt, bis auf den gemeinsamen Schulweg.

Ein gemeinsamer Schulweg schweisst nicht unbedingt zusammen, aber man lernt sich kennen. Man verbringt täglich Zeit miteinander, wie später unter Arbeitskollegen, die sucht man sich auch nichts aus. Und plötzlich findet man sie ganz nett, oder wenigstens brauchbar.

Oder auch nicht.

Als wir die Pubertät betraten, ging ich direkt auf die Barrikaden, rauchte Zigaretten ohne Filter und Haschisch und ließ mir das Haar lang wachsen, während Asbeck Kirchenlieder probte und blieb, wie er war. Einmal verzog er das Gesicht und beschimpfte mich, na, sagen wir, er tadelte mich, weil ich neben ihm auf den Boden gerotzt hatte, einen dampfenden Jello, ein echt dickes Ding.

“He, da steigen doch Dämpfe hoch.. Dämpfe, die krank machen! Mach das nicht!”

Ich sah keine Dämpfe hochsteigen, ich sah bloß einen harmlosen gelb-grünen Flatschen auf dem Asphalt, groß wie ein Fünfmarkstück. Aber wenn es tatsächlich krank machen konnte, sollte ich den Rotz dann etwa drinbehalten und in der Nase hochziehen?! Dann doch lieber raus damit. Ich setzte ihm noch einen vor die Füße. Ich mochte keine Besserwisser. Der zweite Rotz sah aus wie eine Qualle, nur kleiner.

Danach gingen wir drei Tage nicht gemeinsam zur Schule. Er wohnte in derselben Siedlung, nur ein paar Häuser entfernt. Er hatte Probleme, aus sich heraus zu kommen, er war ein steifes Ohr, wie der Solinger sagt, ein Stiefuhr, en stippeligen Konden, ein linkischer Mensch. Als sein Vater überraschend an einem Herzinfarkt gestorben war, hatte mich Asbeck morgens angerufen.

„Mein Vater ist tot. Ich komm nicht mit in die Schule.“

Ich stand am Schreibtisch, wo sonst meine Mutter saß und Rechnungen fürs Geschäft schrieb. Es war halb acht. Asbecks Mutter hatte ihren Ehemann eine Stunde zuvor leblos im Bett gefunden und den Notarzt gerufen, und jetzt war ihr Sohn am Telefon und teilte mir den Tod seines Vaters in einer Form mit, als würde sein Mofa nicht anspringen. Als hätte er Pech gehabt an diesem Tag. Als würde der Vater, vielleicht, am folgenden Tag wieder leben, mit ein wenig Glück.

Florian Asbeck war groß und hager und unbeliebt, er trug das pechschwarze Haar pedantisch zur Seite gekämmt. Er neigte zum Schwitzen, er war schlecht in Sport, der halbe Jahrgang lachte sich schlapp über sein tief religiöses Elternhaus und gab sich nicht mal die Mühe, es hinter seinem Rücken zu tun, doch Asbeck blieb unbeeindruckt.

Er schrieb eine Eins nach der anderen, er war ein Allroundgenie, ob in naturwissenschaftlichen Fächern, in Sprachen, er war überall ein As, außer in Sport. In Sport war er eine Krücke. Zirkeltraining war für ihn nach vier Minuten erledigt. Er war der Prototyp des ungeschickten protestantischen Strebers, der in der Umkleidekabine nach Neuem Testament und Kirchenliedern roch und den niemand leiden konnte, auch wenn er niemandem etwas zu leide tat.

Ein Aussenseiter, der zudem einen Tic hatte: dieses hochnervöse, beinah schon rabiate Zucken der Augenlider, das er nicht unter Kontrolle bekam. Meist überfiel es ihn, wenn er im Gespräch unter Druck geriet, wenn es in ihm gärte und arbeitete, wenn er in Mathe an der Tafel stand und den schwierigen Lösungsweg wählte, dann flackerte und bebte und zerrte sein Gesicht wie in einem autoimmunen Blitzkrieg gegen sich selbst. Von der eigenen Grimasse vorgeführt und (fast) erschlagen. Kein angenehmer Anblick. Dagegen war mein Jello am Morgen schöne Literatur gewesen.

Nachdem ich vom Gymnasium geflogen war, ich hatte mich ein halbes Jahr nicht im Unterricht blicken lassen, verlor ich Asbeck aus den Augen, wie die meisten anderen Schulkameraden auch. Vermutlich hatte er ein Einser-Abitur gebaut und war in eine Studentenstadt gezogen, wo es hoch her ging, außer für Asbeck, in Tübingen, Stuttgart, Bochum.

Es muss Mitte der 90er Jahre gewesen sein, im großen Wurmlochjahrzehnt, da saß ich zu Hause vorm Fernseher und verfolgte eine Diskussionsrunde zum Thema Musical. Die Musical-Szene brummte, Cats, Starlight Express, der ganze Hype. Man baute eigens Hallen für ein einziges Stück und die Chose funktionierte, man spielte vor ausverkauftem Haus, verdiente sich dumm und dusselig.Und plötzlich stand Florian Asbeck im Fernsehstudio des WDR, als Vertreter eines großen deutschen Musical-Produzenten. Mein alter Schulwegkamerad Asbeck im Fernsehen, im Boss-Kostüm, Schweißperlen auf der Stirn.

“He, dem Kerl hab ich mal vor den Tornister gerotzt”, sagte ich zur Gräfin.

Es dauerte keine fünf Minuten und ich musste weggucken, so sehr schämte ich mich für ihn, und ich schäme mich in der Regel nicht für alte Schulkameraden, die ich aus den Augen verloren hab. Ich weiß nicht mehr, was Asbeck im einzelnen alles von sich gab, doch jedes Mal, wenn er an der Reihe war, wurde der Zuschauer Zeuge einer Hinrichtung mit eigenen Mitteln.

Er stotterte, er verhaspelte sich, er fand nicht die richtigen Worte, er war völlig neben der Spur und wurde rot. Das Puder auf seinem Gesicht veschmolz mit dem Schweiß zu kleinen Krumen und kullerte ihm in den Hemdkragen, vermutlich bangte die Maskenbildnerin schon um ihren Job. Und als die Kamera die Fühler nach ihm ausstreckte und auf Nahaufnahme ging, zuckten und flatterten seine Augenlider wie Nachtfalter unter einer schwer verstörten Laterne.

“Was ist denn mit dem los?” sorgte sich die Gräfin. “Ist der auf Pille?”

Endlich hatte die Bildregie ein Einsehen und schwenkte zurück ins Live-Publikum, doch jedes Mal, wenn Asbeck wieder dran war mit einem Statement, geriet er in Schwulitäten.

“Dem seine Karriere ist am Arsch”, dachte ich, “der hat verkackt”, und vergaß den seltsamen Auftritt.

Bis er mir fünfzehn Jahre später über den Weg lief, in der Hofschaft Klauberg, die seit dem 16. Jahrhundert existiert. Hier lebte einst ein Philosoph namens Clauberg, und Jahrhunderte später ein bekannter Nazi-Scherge gleichen Namens. Es gibt einen schönen Spazierweg in Klauberg, den die Gräfin und ich den Panoramaweg nennen. Und natürlich ist da der staubige alte Sportplatz, mit seiner neuen Decke aus Kunstrasen, der in den 30er Jahren von der SA als Reitplatz genutzt wurde.

Florian Asbeck war mit einem kleinen Pudel unterwegs und schob eine Plauze vor sich her, wie Männer sie kriegen in der Mitte ihres Lebens in der Mitte ihres Leibes. Er trug eine Jogginghose und eine  verknitterte Wildlederjacke mit aufgenähtem Ellbogenschutz, er sah aus wie ein abgerissener suchtkranker Organist, eine Karikatur aus Reader’s Digest, und soll ich euch was sagen?

Auch wenn er daherkam wie sein eigener Opa, die Hände hinterm Rücken gekreuzt, sein Haar war immer noch pechschwarz und üppig und sein Gesicht strahlte eine nie gesehene Gelassenheit aus. Er schien im Reinen mit sich zu sein, vielleicht auch im Schmutzigen, jedenfalls geläutert. Selbst der nervöse Tic war vergessen, die Augenlider ruhten im Gesicht wie Boote, zur See gelassen.

Keine Grimasse. Nichts.

Sein Pudel lief frei herum, er führte ihn nicht eng an der Leine, wie viele Leute es tun, die mit dem Alter ängstlicher werden, weil der deutsche Mensch glaubt, je länger er lebt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Ordnungsamt aus dem Gebüsch springt mit blaffendem Sheriffstern und Quittungsblock.

“He, Florian”, sagte ich.

Er blieb stehen und riss die Augen auf. Ein gewisses Wiedererkennen war zu spüren, doch er wusste nicht wirklich, wo er mich hinstecken sollte. Da war nur eine Ahnung. Ich sah ja nicht mehr so aus wie früher. Das Haar war kurz, die Kippe fehlte. Ich zog einen Jello hoch und flappte ihn aufs Pflaster. Ein kräftiges kleines Ding, die Essenz des schnellen Frühstücks, bestehend aus zwei großen Espresso und einem halben Hanuta.

“Glumm..!”

 

10 Gedanken zu „Alte Kameraden

  1. Pingback: Too much information - Moin - Guten Morgen

  2. Wunderbar 🙂 So verändert man sich halt. Letztens habe ich einen alten Klassenkameraden getroffen, den ich auch nicht mehr erkannte. Dabei ist es gerade mal 5 Jahre her. Also…nicht zu eng nehmen 😉

  3. Grandios! Jetzt würd ich nur zu gern wissen, wodurch er nun plötzlich geläutert worden war. Ich hatte erwartet, dass er abgebrannt und immer noch verklemmt wäre…
    Fortsetzung?

    • ich kann ihn das nicht mehr fragen, warum er plötzlich so lässig geworden war; er ist tot.

      Ich hab es vor rund einem Jahr aus der Zeitung erfahren.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s