Es hatte mich böse erwischt

Auch eine blöde Frage will gefragt sein, sonst wäre sie nicht als Frage zur Welt gekommen. Ich frage mich zum Beispiel, wie oft ich eigentlich gelacht habe in meinem Leben – bis hierhin. Ich meine so richtig gelacht, ausgelassen gelacht, ausufernd gelacht, so richtig laut und breitbeinig herausgeplatzt bis einem die Tränen kommen, links und rechts, eine nasse Gesichtsfahrt.

Ich habe keine Ahnung, wie oft ich mich vor Lachen weggeschmissen habe. Jede angedachte Zahl klingt umgehend falsch in meinen Ohren. 30, 40mal ist eher zu wenig, 300mal viel zu viel. Dabei lässt sich beim Lachen nicht lügen. Lachen ist gegen die Lüge gefeit. Du kannst verlogen weinen, ohne dass es groß auffällt, aber du kannst nicht verlogen lachen. Eine verlogene Lache hörst du unter tausenden heraus. Man könnte sie also gut zählen, die Lacher, aber dazu müsste vom Moment der Geburt an jemand Strichliste führen. Das ist jetzt nicht so lustig, wie es zunächst klingt.

Niemals lachen dagegen, natürlich, das geht auch. Das lässt sich sogar gut zählen. Eine Null ist eine Null. Ich kenne Leute, die habe ich, wenn ich recht überlege, noch nie lachen gehört. Sie können gar nicht lachen. Dieser Akt der Befreiung ist ihnen verwehrt. Sie schmunzeln vielleicht wie die Weltmeister, sie frotzeln und sind amüsiert – aber tönendes Gelächter, nichts zu machen. Diese Leute müssen deshalb nicht unglücklicher sein als andere Leute, die gut lachen haben im Leben, die echte Gackermaschinen sind und eine Party-Salve nach der anderen in ihre Umgebung abfeuern, im Gegenteil. Einer der kräftigsten und am ausgelassensten lachenden Menschen, den ich kenne, einer, der mit seinem Wiehern noch jeden Umstehenden zum Mitlachen zwang, ist mittlerweile dem Schnaps und der Depression verfallen, er lacht schon lange nicht mehr. Ja, er kann nicht einmal mehr ordentlich gehen. Er tippelt nur noch. Eine Nervenkrankheit, vom Alkohol. „Ich hab das Trinkerbein“, sagt er. Und was sein Lachen angeht: übrig geblieben ist Mundgeruch. Er stinkt aus dem Hals. Sein zuvor so reinigendes, pralles und zu Tal rollendes, von der eigenen Lautstärke mitgerissenes posaunenhaftes Lachen, das wie zur Rush Hour aller menschlichen Lach-Einheiten taleinwärts stürzte, eine einzige forsche Herz- und Halslawine, die sich zu immer gewagteren Lachkaskaden aufschwang, ist wie ausradiert –  er hat sich ausgelacht.

Es hat ihn böse erwischt.

*

Ich stieg in den Zug Richtung Innenstadt. Es war halb fünf am Nachmittag. Die Großraumabteile der Regionalbahn waren brechend voll, die Leute standen in den Durchgängen, in Halteschlaufen eingeklinkt, hungrig, müde, weggetreten. Das Konzept, in der Masse unterwegs zu sein, hatte sich mir nie eröffnet, doch es gab Tage, da ließ sich eine gewisse Kontaktaufnahme nicht vermeiden, und hier war ich nun.

Immerhin, ich hatte einen Sitzplatz erdrängelt. Todmüde saß ich da, Grauwacke im Gesicht, zu tumb für ein gutes Gefühl, trotz Feierabend. Der Kurs des Jobcenters ging mir mehr an die Substanz, als mir lieb war. Dabei gab es kaum etwas zu tun. Die meiste Zeit lungerten wir vorm Rechner herum und blieben uns selbst überlassen, genau das war der Punkt. Permanente Unterforderung schlaucht mehr als richtige Arbeit. Ich war froh, wenn die sechs Monate endlich um waren.

Hinter mir hörte ich das Geplapper einer Frau, ich saß mit dem Rücken zu ihr, ich konnte sie nicht sehen. Da war bloß ihre Stimme, deren muntere, irgendwie blonde Färbung mich an irgendwen erinnerte. Doch an wen..?

„Also geh ich nach Aldi rein, ohne Einkaufswagen“, hörte ich sie hinter mir prusten.

Sie schien mit einem Arbeitskollegen im Gespräch zu sein, wobei sie 90 Prozent des Gesprächverlaufs dominierte und ich nicht mal die Hälfte davon aufschnappte. Es war zu voll an Bord, zu viele Stimmen, unterlegt vom Rumpeln der Bahnräder.

Ich hörte was von fünf Dosen flüssige Margarine und dass sie einfach mehr nicht geschafft habe aufzuladen, also auf die Arme! Wahnsinn. Plötzlich lachte sie laut auf. Ein unbeschwerter Ausbruch, mitten ins bleierne Großraumabteil hinein, ein jäher Stich in mein Herz. Ich saß da wie hingebeamt, Nahverkehrsbereich, Wabe 45!! Angefasst und verstört, weil ihre Lache genau (und ich meine haargenau!) wie eine Lache klang, die ich seit dreißig Jahren nicht mehr gehört hatte:

BIENES LACHEN!

Biene, blond und süß und jung, war so etwas wie die perfekte Vorabversion meiner ersten großen Liebe. Ihre peitschende, sich voll verausgabende Lache, die stets klang, als stünde sie kurz davor, sich in die Hosen zu machen. Dazu ihr „Wie kannst du nur!?“-Blick aus blauen Augen, wenn ich für einen Lacher aus ihrem Mund wieder mal eine Sache auf die Spitze getrieben hatte – bloß, um sie lachen zu hören. Für ein Lachen aus Bienes Mund war ich bereit, alles zu geben. Wie lange hatte ich dieses süße Lachen nicht mehr gehört, wie lange hatte ich nicht mehr daran gedacht, dass es einmal zu meinem Leben gehörte.

Dabei war sie eher schüchtern. Ich mag Frauen, die ein bisschen scheu sind. Die aber, wenn man ihnen nahe kommt, aufblühen wie eine Mittagsblume Punkt zwölf. Dazu muss man sie gut kennen. Auf Menschen, die sie nicht kennen, machen solche Frauen schnell mal einen falschen Eindruck. Sie fallen einem ins Wort, sie wackeln im falschen Moment mit dem Hintern, sie sind unsicher und werden knallrot, wenn sie im Mittelpunkt stehen.

Männern mit geübtem Blick entgeht nicht die innere Erregung, mit der schüchterne Frauen zu Werke gehen. Die ja bei weitem nicht immer schüchtern sind. Im vertrauten Kreis dreht so eine Frau erst recht auf. Jeder braucht das Gefühl, sich in Anwesenheit von Freunden und Vertrauten fallenlassen zu können, ohne darüber nachdenken zu müssen, wie diese oder jene übermütige Aktion vielleicht verstanden werden könnte. Frei von solch hinderlichen Überlegungen ist man ja selten, und die scheue Frau ist es erst recht.  Doch wie schön ist es, wenn so ein Mädchen sich öffnet, mit der Zeit.

Haltepunkt Mitte. Ich hörte, dass die Frau aufstand und sich verabschiedete von ihrem Kollegen, „vielleicht bis morgen, falls du keinen Gelben einreichst..“, rief sie und lachte schallend auf. Jetzt war es genug. Ich stand ebenfalls auf, zumal mir einfiel, dass auch ich Haltepunkt Mitte rausmusste. Ich schaute ihr im Gang hinterher. Ein burschikoses Mädel um die zwanzig, blaue Handwerkerklamotten, Zollstock im Hosenbein, schwarze Kurzhaarfrisur. Beim Aussteigen sah ich kurz in ihr Gesicht, die hektisch geröteten Bäckchen. Wir stiegen kurz nacheinander aus. Dann war sie weg.

Ich auch.

*

Bienes Vater war ein hohes Tier bei der Berufsfeuerwehr, vielleicht war er damals sogar der Chef. Was juckte das einen 14jährigen Burschen, der sich an seine Tochter heranmachte. Ich mochte den Mann nicht besonders. Ein kleiner dicker Seelöwe mit drahtigem Schnurrbart, der mich nicht aus den Augen ließ, wenn ich zu Besuch kam. Mein langes Haar passte ihm nicht. Meine ganze Hippie-Attitüde, inklusive der blauen Perlenkette meiner Mutter, stieß ihn ab.

Einmal erzählte mir Biene, dass sie morgens gemeinsam mit ihrer Mutter das Ehebett gemacht habe. Dabei, so Biene, zog ihre Mutter sie ins Vertrauen. „Ich habe heut Nacht mit Vati geschlafen“, sagte sie. So reichte es Biene an mich weiter, so erzählte sie es mir, und ich hätte beinah gekotzt. Allein die Vorstellung, dass diese uralte kugelrunde Schnurrbartmaschine es immer noch mit seiner Frau trieb, obwohl sie schon drei Kinder großgezogen hatten, machte mich wütend. Kriegten die denn niemals genug?! Gab es für Feuerwehrmänner nicht wichtigere Brandherde zu löschen??

*

Ich lernte Biene im Haus der Jugend kennen. Zum Knutschen traf man sich im zweiten Stock im dunklen Gang vor der Teenie-Disco. Da war jede Menge los, da saßen Pärchen auf dem Boden, da wurde geknutscht und gefummelt und ab und zu ging die Tür der Teenie-Disco auf und Kung Fu Fighting dröhnte heraus, unterlegt vom Disco-Schwarzlicht, das kurz den einen oder anderen strammen weißen Pimmel streifte, der es im Flur aus dem Reißverschluss der Hose heraus geschafft hatte und nun gierig nach Luft schnappte.

Biene war blond und hübsch, sie gefiel meiner Mutter.

„Das ist so ein liebes Mädchen. Halte sie dir warm.“

Jahre später ging mir auf, warum sie so einen Narren an Biene gefressen hatte. Es war ein Jugendfoto meiner Mutter, das mich auf die Spur brachte. Biene und Mutter waren sich sehr ähnlich, als junge Mädchen. Auf den ersten Blick schienen beide eher scheue bodenständige Wesen zu sein, doch darunter lauerte schon die Lava. Meine Mutter hatte für mich eine jüngere Version ihrer selbst ausgewählt. Das war ein bisschen durchsichtig, aber ich war nicht enttäuscht. Im Gegenteil. Im Umkehrschluss bedeutete es nicht weniger, als dass meine Mutter, wäre sie jung gewesen, gern mit mir ausgegangen wäre. Das war okay.

*

Da war dieser Tag, als Biene mich im Partykeller ihrer Eltern empfing, um Schluß zu machen. Ich war 15, sie 14. Sie saß im Dunkeln und hatte Kerzen angezündet. Eine Kerze hatte sie angezündet, glaube ich, eine schwarze Kerze. Weil wir zuvor telefoniert hatten, wusste ich bereits, was auf mich zukam. Dass sie Schluss machen wollte. Mädchen machten immer irgendwann Schluss mit einem, das gehörte zum Spiel dazu, aber manchmal war es ärgerlich. Biene war traurig, und ich hatte keine Ahnung, wie ich mich verhalten sollte. Dass sie Schluss machen wollte, fand ich auch nicht so gut. Sie weinte. „Ich hab dich nicht mehr lieb“, sagte sie. Ach so.

Zehn Tage später waren wir wieder zusammen. So ging das zwei Jahre lang hin und her. Für Sex fehlte es uns beiden zugleich an Lockerheit und Reife. Natürlich machten wir Petting, ich erinnere mich an den Moment im Kinderzimmer, wo sie mir unter der braunen Wolldecke eher ungelenk, aber erfolgreich einen runterholte, und wie sie vor Freude weinte. (Und ich mal wieder dachte, was ist denn jetzt wieder los.) Wir waren noch Kinder, wir waren nicht bereit für den großen Peter Stuyvesant-Sex. Dummerweise waren die meisten Paare um uns herum längst so weit. Oder taten wenigstens so. Der Druck nahm zu. „Ich möchte mit dir schlafen“, sagte Biene. Sie besorgte sich Verhütungsspray, und wir legten einen Termin fest. An einem Wochenende sollte es passieren. Meine Eltern waren zwei Tage auf Schloss Schwalbach im Taunus, wo Verwandte ein Hotel führten, ich hatte sturmfreie Bude. Es war alles vorbereitet. Nicht mal meine große Schwester war daheim.

Um unserem ersten Geschlechtsverkehr einen offiziellen Charakter zu verleihen, planten wir den Sex nicht im Kinderzimmer, sondern im Ehebett meiner in den Taunus verreisten Eltern. Hätte ich geahnt, wie nervös mich das weiße Interlübke-Einbau-Schlafzimmer machen sollte, ich hätte lieber den Fahrradkeller vorgeschlagen. Die Heizölecke. Im Stehen. Wam Bam, thank you, Ma’am! Ich war von dem Moment an nervös, wo Biene klingelte und auf der Matte stand. Sie hatte an alles gedacht. Verhütungsschaum, Bumslaune. Bloß ich war nicht soweit. Immer, wenn ich zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendetwas unbedingt tun musste, ging alles schief. Ich stellte das Nordmende-Radio an, das sich noch vierzig Jahre später am selben Ort im Schlafzimmer befand. Zufällig lief Electric Light Orchestra auf WDR2, ein Stück, das ich sehr mochte, „Strange magic“, es hob meine Stimmung. Aber auch nur die. Und ob Biene tatsächlich bereit für mich war? Ich weiß nicht. Ich war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Mit der drohenden Pleite. Ich hätte am liebsten alles abgeblasen. Dummerweise waren meine Eltern nicht oft übers Wochenende verreist. Es musste jetzt geschehen, jetzt oder nie. Biene war schon nackt und erwartete mich unter der Bettdecke meiner Eltern. Auch der Verhütungsschaum war schon eingerieben. „Kommst du?“

Ich war noch auf dem Klo und fummelte an mir herum, versuchte eine Latte hinzukriegen. Das Ding in meiner Hand war nicht mehr als eine Trockenaprikose. Ich fühlte mich wie im Abstiegskampf – ich hoffte auf die 93. Minute und ein spätes Wunder. Musik drang leise aus dem Schlafzimmer meiner Eltern. Ich hatte immer noch keinen Ständer. Mein Blut hatte genug im Kopf zu tun, war ausgelastet mit dummen Zeug und Versagensängsten. Es war zum Scheitern verurteilt. Ich auf dem Klo, mich selbst stimulierend, Biene ahnungslos im Ehebett meiner Eltern, auf etwas wartend, was nicht kam. Irgendwann war es soweit. Ich lag neben ihr. Wir küssten uns. Wir waren nackt, doch sie fühlte sich weit weit weg an. Sie war körperlos, ich war körperlos. Ich erinnere mich an den scharfen Schaum, der an der Eichel brannte. Mehr tat sich nicht bei mir.

Es hatte mich böse erwischt.

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11 Gedanken zu „Es hatte mich böse erwischt

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