Is okay, Riese?

Er ist seit ziemlich genau zwei Jahren tot. Ab und zu begegne ich seinem Hund, der jetzt in anderen Händen ist, Sniff, ein kantiger Schäferhundrüde, der nichts lieber tut, als Frisbee-Scheiben aus der Luft zu beißen, mit einer Nonchalance, als würde es auf der Welt nichts leichteres geben für einen kräftig gebauten Schäferhund als einem fliegenden Frisbee nachzulaufen und aus der Luft zu beißen.

Das letzte Mal gesehen hab ich Selle im Frühsommer 2013 in einem dieser langen Gelenkbusse nach Höhscheid, wo man eine Viertelstunde braucht, um es vom Fahrer bis ganz nach hinten zu schaffen. Es war ein schwülwarmer Nachmittag, er hockte in sich gekehrt in der letzten Sitzreihe, die Füße angezogen, die Arme verschränkt, unrasiert, die Augen auf Halbmast.

Ich war gerade zugestiegen und beugte mich über ihn.

“Die Fahrkarten bitte!!”

Ich hielt den Satz hart an der Leine, ich machte ganz auf Kontrolleur. Dennoch blieb er zahm.

“Ach du bist es, Riese”, sagte er und sank müde in die Bank zurück, “was ist los..?”

Er war nicht gut drauf, etwas war anders geworden. Aus einem gestandenen Kobold und Stehaufmännchen war ein trauriger kleiner Mann geworden. Depressionen, Alkohol-Exzesse, Einsamkeit hatten ihm zugesetzt. Einsamkeit ist schon ein strenges Geschäft, aber der Alkohol schafft jeden. Der Alkohol, die Einsamkeit und die Depression. Der Dreisatz des Alterns.

„Eine Depression fühlt sich an, als wäre man im Klammergriff eines Ungetüms, das sein schwarzes Gift in dich reinpumpt“, sagte er einmal zu mir.

*

Wir fuhren eine Weile zusammen zur Methadon-Vergabe. Er war intelligent, er hatte Sprachwitz. Ein kleiner Mann mit rötlichem Haar, der sein Leben an die Drogen verschenkt hatte, ohne darüber in Larmoyanz zu verfallen. Nichts ist schlimmer als die Hätte-ich-doch-nicht-Fraktion, die den Grund für ihre Abhängigkeit gern bei Anderen sucht. Ach, hätte ich doch die und die Leute nicht kennengelernt, dann wäre dies und das nicht passiert.. Jammervolle Gestalten, die nicht begreifen, dass man nicht nur das Glück, sondern auch das Unglück fest in beiden Händen hält.

An diesem letzten Tag fuhren wir einige Stationen zusammen, er wollte zu seinen Eltern, den Hund abholen. Er stänkerte ein paar Teenies an, die sich ebenfalls in die letzte Bank verkrochen hatten, er pupte mit blöden Opa-Sprüchen um sich. “Na, macht ihr Hübschen auch bald Abitur..?!”, blödes Opa-Zeugs, das manchmal aus ihm heraus musste an die frische Luft. Es war nicht böse gemeint, es musste einfach raus in den Wind und verschwinden. Es war nicht der Rede wert.

Er war ein knurriger alter Hahn geworden, mit rotem Schopf und bräunlichen Schneidezähnen vom vielen Tabakrauchen. Ein Knurrhahn mit Bürstenhaarschnitt, eine Comicfigur im Rohzustand, noch nicht wirklich zu Ende gedacht, obwohl schon 46 Jahre alt. Ein prima Typ, einer, der sich im Leben immer gerade gemacht hatte. Einer, der zu seinem Wort stand, einer, der neugierig blieb bis zum Ende. Er war wie ein Kind, das nicht abwarten kann bis es endlich Morgen wird und das alles daran setzt, schneller zu schlafen.

Ich würde ihn gern noch mal sehen. Ich würde ihn fragen, wie das denn nun ist, mit dem Ankommen da oben im Himmel.

Is okay?

*

Wir leben in einer traurigen tückischen Zeit, wo alles schon mal dagewesen ist, wo nichts von Wert, nichts von Dauer zu sein scheint. Wo man schon froh sein muss, ein paar echte Figuren aufzulesen, die einen angucken mit echten Problemen und Bürstenhaarschnitt und üppig hervorstehenden Schneidezähnen, Figuren, deren Anblick ein sofortiges Gruppengefühl auslöst. Komm her, du! Lass dich umarmen. Es ist kalt da draussen.

Es ist wie beim Jazz. Der Jazz kennt keine schmutzigen Typen mehr, es ist alles aus und verloren. Überall Till Brönners, die schöne Baby-Musik machen mit Brei-Trompetchen und dafür auch noch gefeiert und herumgereicht werden, wenn auch von den falschen Leuten, auf den falschen Schultern, mit vergifteten Komplimenten.

Wer erinnert sich noch an die alles verschlingende Gier in der Stimme eines Chet Baker, wer an die Schwindsucht eines Charlie Parker, an die herbe Verschwitztheit einer Billie Holiday? Es ist nichts geblieben. Nur weiße, brave, sich selbst feiernde, stinkende Langeweile.

Musik von Menschen, die gute Menschen sein wollen.

*

„Du kannst mich mal an meinem klapprigen Hühnerarsch lecken!“ meinte Selle gut gelaunt.

Er trug eine merkwürdige Cordhose mit Schlag und diese cognacfarbenen Lederslipper. Ich schaute auf seine Schuhe.

„Was ist denn da los?“ lachte ich. „Was soll das denn geben?“

Sein Onkel war plötzlich gestorben und hatte jede Menge Kleidung hinterlassen. Da beide von ähnlicher Statur waren, trug Selle das Zeug nun auf, doch es handelte sich um Klamotten, die er sich selbst niemals gekauft hätte. Viel zu piefig, das Zeugs. Das ist der Zwiespalt bei geschenkter Kleidung. Sie mag passen, doch in 99 % aller Fälle käme man selbst niemals auf die Idee, solch einen Mist zu kaufen. Einfach, weil jeder einen anderen Geschmack hat. Es waren 20 Paar Schuhe, Jacken, Reisestrümpfe, Chinos und Leinenhosen, Blousons, Designerjeans und bestimmt eine Million Gürtel.

„Was ich früher alles zu Muttern geschleppt hab zum Nähen und Ausbessern, schmeiss ich heute alles weg. Kommt alles in den Müll. Ich hab ja jetzt genug Klamotten.“

Dafür sah Selle aus wie der kleine Gatsby an dem einen Tag und wie ein zorniger Herzog am nächsten Tag. Nichts halbes, nichts ganzes.

„Ich seh voll kacke aus, wa?“ strahlte er.

*

Er hatte etwas Nordisches an sich, mit seinem roten Haar. Ein agiler kleiner Tausendsassa, der so gar nicht klein wirkte. Er zählte zu den Kalibern, die  sich gar nicht erst groß aufpumpen mussten, um größer zu wirken. Doch selbst ein Stehaufmännchen altert und steht irgendwann nicht mehr auf. Er hatte seinen Körper aufs äusserste getriezt, mit Kokain, Speed, Heroin, zuletzt mit immer mehr Jägermeister.

*

Ja, schon klar, ich habe eine gewisse Affinität zu Strassenfußballern und Pförtnern, schon klar, und es gibt Drogensüchtige, auch die haben bei mir ein Stein im Brett.

„Bei dir haben alle Süchtel ein Stein im Brett“, stellt die Gräfin richtig.

Kann schon sein. Kein Tod wird schneller vergessen und abgenickt als der Tod eines Süchtigen. Doch nur weil jemand robust Richtung Tod ackert, bedeutet das noch lange nicht, dass man nicht traurig sein darf, wenn er plötzlich tot und nicht mehr da ist.

Und wenn es stimmt, was man sich erzählt, war sein Abgang höchst ungemütlich. Angeblich platzten ihm die Halsschlagadern, als er sich zu Hause auf eine Flasche Schnaps und irgendwelche original in Polen verpackten Hammerpillen (gegen Alkoholismus!) einen allerletzten Löffel Heroin aufkochte. Die Arterien seiner geschundenen Leber rissen, das Blut muss nur so aus ihm herausgesprudelt und bis zur Decke hinauf geschossen sein – was zuletzt von ihm blieb, war ein Zimmerspringbrunnen.

Das hätte ihm gefallen.

Er überlebte seinen älteren Bruder, der ebenfalls an einer Überdosis Heroin starb, um beinahe dreißig Jahre, bei fast identischer Lebensführung. Schon für diese Leistung möchte man kurz den Hut anlupfen und eine Spezial-Marke anmelden.

Er erzählte von einem Kerl, mit dem er in Amsterdam die Nächte durchgekokst hatte.

„Das war der durchgeknallteste Koks-Junkie, den ich je kennengelernt hab. Wir teilten uns ein Zimmer in einer billigen Absteige und taten vierzehn Tage nichts anderes als uns zuzuballern. Er hatte diese coole Panama-Connection, das Koks war von 80prozentiger Reinheit, das ist heute gar nicht mehr vorstellbar. Jeder glaubt, ich binde ihm einen Bären auf, wenn ich das heute erzähle.“

„Ein Kerl wie ein Schrank und voll okay, aber wenn er sich Koks geschossen hatte, wenn er auf dem Koks-Run war, drehte er völlig ab. Dann zog er sich splitternackt aus, nur die Cowboystiefel behielt er an, und sagte Dinge zu mir wie, he, guck mal, da krabbeln tausend Würmer aus mir raus! Guck doch mal! Nee, das sind keine Würmer, versuchte ich ihn zu beruhigen, aber ich war selbst im Stress. Versuch mal ne intakte Vene zu finden, wenn du schussgeil bist auf dieses super-ungestreckte Amsterdam-Koks der Achtziger, und neben dir tickt ein Knabe wegen irgendwelcher unsichtbaren Würmer aus.“

„Der liess nicht locker, der fing immer von neuem an. Da ist jemand an der Tür! schrie er und schnappte sich sein Butterfly-Messer. Darin war er echt ein Meister, mit dem Butterfly-Messer konnte er umgehen wie ein Zirkus-Artist, das machte wirklich was her, wenn er da mit dem Messer hantierte. Dann riss er die Zimmertür auf und sprang auf den Gang, ein pudelnackter Kokser in Westernstiefeln, der wild mit dem Messer rumfuchtelte und wirres Zeugs schrie, Riese, war der durchgedreht, ich mein, der hatte das Limit wirklich überschritten.“

„Eine halbe Stunde später mussten wir den Zug nach Köln kriegen. Wir hatten die letzte Kohle in zwei Tickets investiert, aber es musste dieser eine bestimmte Zug sein. Ich seh uns noch an der Gracht entlang stolpern, zugekokst bis unter die Schädeldecke, ich mit meinem Leder-Hut, der Typ in Westernstiefeln und den Pimmel aus der Hose fliegend.. Dass uns keiner verhaftet hat an diesem Tag, nur fürs Dasein auf diesem Planeten, begreife ich bis heute nicht.“

*

Einmal sprach er von den Nahtoderfahrungen, die er in 30 Jahren Drogenkarriere gesammelt hatte.

„Nicht, wenn man sich aus Versehen zuviel auf den Löffel gepackt hat und ein paar Minuten lang abkickt“, nein, die echte authentische Überdosis, da, wo es richtig scheppert, „wo einem der Rotz aus der Trompete fliegt“, wo es auf Messers Schneide steht, ob man diesen Shake überlebt, „oder ob einen der verdammte Notarzt wieder mal aus der Scheiße holt.“

Das war es, was er meinte, wenn er vom in den Tunnel einfahren schwärmte, diesen Zustand zwischen Leben und Tod, nach dem man süchtig werden könne.

Ich weiß, es klingt abgegriffen, sagte er und es klang abgegriffen, aber wenn du in den Tunnel einfährst, siehst du plötzlich das Weiße am Ende des Tunnels, du reißt innerlich die Augen auf, du möchtest näher ran ans Licht, du möchtest dich hineinwinden in das grelle Licht bis es dich fett umschliesst, aber dann wirst du im letzten Augenblick zurückgezogen, ruckartig, wie am Schlaffitchen, das ist der Notarzt, die Ambulanz, ein unglaubliches Gefühl, mit nichts zu vergleichen.

Und dann wagte er doch einen Vergleich.

„In Indien lassen sich Fixer von Giftschlangen beissen, guck nicht so blöde, ist wahr. Die kriegen ihren Kick, wenn sie von einer Cobra gebissen werden, das Schlangengift versetzt einen für Stunden in diesen Schwebezustand zwischen Leben und Tod. Und es ist nie klar, ob man den Biss überleben wird..“

„Kann man doch ein Gegenmittel spritzen“, sagte ich.

„Ja klar – aber das kann man auch schön bleiben lassen und abwarten, ob man abkratzt oder nicht.“

Ach so.

*

Jeder kennt so Typen, jeder hat so einen Spezi, dem jedes Mal, wenn man ihn trifft, etwas neues zugestoßen ist. Auserwählte, bei denen man das Gefühl nicht los wird, dass der Hergott sie ganz besonders hart und innig ins Gebet nimmt.

Ausser der Drogensucht hatte er ein gewaltiges Alkohol-Problem am Hals. In den zwei Jahren, die ich näher mit ihm zu tun hatte, begann er mindestens ein Dutzend Entzüge, einige zog er durch. Ein anderes Mal flog er bereits am ersten Tag aus dem LKH raus, als die Betreuer Marihuana und starke Schlaftabletten bei ihm fanden, die er auf Station schmuggeln wollte.

„Zum Pennen verabreichen die nur so rosa Tralala. Nee, wenn ich schon entziehe, will ich wenigstens vernünftig pennen.“

Er war ein Pegeltrinker, die Leber war dahin, er hatte Zirrhose und Hepatitis. Aber er wollte mir weismachen, dass er supergut riechen könne seitdem die Leber hinüber war.

„Ich rieche einen vor Stunden verschütteten Klecks Vollmilch aus fünf Metern Entfernung. Meine Leber ist so im Arsch, der entgeht nichts. Würde ich an der Mosel leben, ich könnte den Wein schon schnuppern, wenn er noch in der Traube hockt und sich das Näschen putzt. Alle meine Sinne sind hyperempfindlich, seit ich Leberwerte hab wie Keith Richards 1971. Ich kann auch besser sehen seither, ich hab Augen wie ein Bussard. Wenn ich durch die Stadt gehe, erkenne ich schon unten am Woolworth, was die Jungs oben auf der Platte an Bubbles und Pillen in der Tasche haben..“

Er konnte sich wunderbar für Dinge begeistern. Und wie alle Leute, die gern schwärmen, übertrieb er gern.

„Ich weiß, Riese, ich neige zur Übertreibung wie ein ICE zur Spitzengeschwindigkeit, aber ungelogen, die besten Silvester-Feten gibts bei mir!“

Er bot mir an, bei ihm Silvester zu feiern. Er wohnte an der Krahenhöhe, dem höchsten Punkt der Stadt, im vierten Stock eines direkt an der lauten Hauptstrasse gelegenen Appartementhauses, von wo er einen Riesenpanoramablick genoss.

„Silvester verkauf ich Sitzplätzte auf meinem Balkon für.. vierzig Okken!“ schnitt er auf. „Na, für dich und deine Olle kostet das natürlich nix.“

Er weihte mich in Beobachtungen ein, die er von seinem Balkon aus gemacht hatte. Etwa, dass die Stadt Düsseldorf ihre Strassenbeleuchtung bereits auf LED-Licht umgestellt habe, so dass man von dort nachts nur noch punktuell Laternenschein wahrnehmen könnte. „Düsseldorf in der Nacht ist beinah finster, während über Leverkusen immer noch eine dicke fette Blume strahlt. Die haben immer noch das alte Laternenlicht.“

„Ne fette Blume über Leverkusen“, blieb eine Zeitlang unser Running Gag.

*

An anderen Tagen war er so blass um die Nase, als hätte man zuviel Mehl in ihn reingekippt.

„Auch das kommt von der Leber. Die klaut mir das Blut aus der Fresse. Die braucht das Blut für Reparaturarbeiten.“

Er lebte schon sehr in seiner eigenen Welt.

Erzählungen aus vergangenen wilden Drogen-Tagen leitete er stets mit „So, jetzt erzählt Opa aus dem Krieg“ ein, und ich lehnte mich zurück. Mit seinen Anekdoten aus der Szene stieg ich tief ein in die dunkle Drogensaga Bergisches Land. Da war die unglaubliche Geschichte des Thomas Hufschmied, der schon in den frühen 80ern an einer Überdosis verreckte. Aber was für eine Überdosis das war!

Hufschmied, damals Anfang 20, hatte sich Zutritt zum alten Bunker an der Schwertstrasse verschafft, um sich in Ruhe einen Druck zu machen. Keine Ahnung, wie er das hinkriegte, der Bunker war ziemlich gesichert, aber er war der erste Mensch, der sich dort umsah, nach vielen Jahren. Dabei fand er eine staubige alte Ledertasche voller Ampullen: Morphiumfläschchen aus den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs. Diese letzten vergessenen Bestände in den Händen eines stadtbekannten Draufgängers, der Ein Mann-Heroin-Guerilla Thomas Hufschmied, das konnte nur schiefgehen. Am nächsten Tag fand man ihn leblos auf der Strasse. Sein Tod wurde verschwiegen so gut es ging, allein in der Szene wurde er als letztes Opfer Nazi-Deutschlands gehandelt.

„Den hat der Göring auf dem Gewissen“, hiess es.

*

Jeder kennt so Spezis, denen jedes Mal, wenn man sie trifft, etwas Neues zugestoßen ist. Typen, bei denen man das Gefühl nicht los wird, dass der Herrgott sie ganz besonders oft und innig ins Gebet nimmt. Leute mit fahrigen Händen und lädierter Nase, einem schrägen Humor und Nierensteinen.

Er lachte sich kaputt über das Geräusch, das Nierensteine machen, wenn sie beim Ausscheiden nach und nach in die Kloschüssel fallen, er liebte es das Geräusch nachzuahmen, wenn wir im Bus saßen. Er bekam nicht genug davon, wie ein kleines Kind. Plink, plink, PLINKK! zu machen. PLAKK und Pokter! Pokkta! POkkTT!! Es haute nicht besonders hin, wirklich nicht, aber darum ging es nicht. Es ging um die Mühe, die er sich mit allem machte, was er anpackte.

*

Einmal stieg er krebsrot in den Bus. Er litt unter einer schweren allergischen Reaktion. Er hatte auf seinem Balkon Mariuhana angepflanzt, eine Sorte namens Amnesia, dreizehn fette Stauden so hoch wie bis zur Decke. Angeblich roch es schon wie im Dschungel auf seinem Balkon, er stand kurz vor der Ernte, als ihm ein Mißgeschick unterlief. Er hantierte wegen der Hitze an diesem Tag mit bloßem Oberkörper an den Pflanzen herum, wollte nur etwas zuschneiden und geriet dabei mit einigen der schweren, reifen Blüten in Hautkontakt. Sofort brannten Bauch und Arme, zuletzt der ganze Oberkörper, ich war am leuchten wie ein Hummer.

Er wäre fast verrückt geworden vor lauter Kratzerei.

Ein anderes Mal hatte er die Hand in Gips. Ein Hund hatte ihn gebissen. Nicht sein eigener, ein anderer Hund. Er musste genäht werden, ambulant beim Unfallchirurgen.

„Das Nähen machte ein Geräusch wie früher auf dem Bauernhof meines Opas, wenn die Schweine kastriert wurden.“ Und wieder machte es ihm einen Heidenspaß, Geräusche zu imitieren. Dieses Mal waren es die Schweine seines Opas, die kastriert wurden, als er ein Kind war: mimmmi! mimmmi! Die ganze blöde Busfahrt hörte ich nichts anderes. MIMMI MIMMMI MMMIMMI! Total bescheuert. Wieso machen Schweine, die kastriert werden, mimimi?

Das letzte Mal gesehen hab ich ihn im Bus nach Höhscheid, im Juni vor 2 Jahren. Es war einer dieser langen Gelenkbusse, wo man eine Viertelstunde braucht, bis man endlich hinten ist. Es war Nachmittag, er hockte in sich gekehrt in der letzten Sitzreihe. Unrasiert, angetrunken, die Augen geschlossen. Ich beugte mich über ihn .

„Die Fahrkarten bitte!“

Nach einem Moment Unverständnis und Gereiztheit blitzten seine Augen auf.

„Riese“, sagte er müde, „was is los?“

Wir fuhren einige Stationen zusammen, ich war auf dem Weg zu meinem Vater ins Altenheim, er zu seinen Eltern, um den Hund abzuholen. Er war nicht gut drauf. Er war besoffen und pupte ein paar Teenies an, mit blöden Sprüchen. „Na, macht ihr auch schön euer Abi?“ So blödes Opa-Zeugs, das manchmal aus ihm herausdrang an die frische Luft, es war nicht böse gemeint, es musste einfach raus und im Wind verschwinden.

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