Die Dinge waren Honig im Sommer 86

 

Die Tussi blieb unbeeindruckt. Beim Ausfüllen des Personalbogens hatte ich wahrheitsgemäß angegeben, seit drei Jahren arbeitslos zu sein, doch das kümmerte sie nicht. Ebenso wenig die Tatsache, dass ich weder Führerschein besaß noch CNC-Fräsen beherrschte, TÜV-Zertifiziert. Erst als sie die Rubrik Stundenlohnvorstellung erreichte, stutzte sie und blickte hoch.

“Sechzehn Mark..? Nee, junger Mann, können wir gleich vergessen. Wir hatten an elf gedacht. Elf Mark, nicht sechzehn.”

Von meinem Stuhl aus konnte ich sehen, wie sie auf dem Personalbogen des Arbeitsamts in Druckbuchstaben ZU HOHE LOHNFORDERUNG eintrug.
Ja verdammt, musste das sein?
Druckbuchstaben machten Lärm, Druckbuchstaben fielen auf. Druckbuchstaben waren Gorillas, die sich ständig auf der Brust trommelten: HIER, ICH!!
UUH! UUH! UUH!
“Moment mal.. Das geht nicht”, sagte ich. “Wenn Sie das so schreiben, kriege ich Ärger.”
„Mit wem?“
„Mit dem Arbeitsamt.“
“Ärger? Wieso? Wenn Sie doch auf Ihrer letzten Stelle gut verdient haben, ist das doch kein Problem. Dann kann das Amt Sie nicht zwingen, eine geringer bezahlte Arbeit aufzunehmen.”

“Na schon..”, setzte ich an.

Sie wartete.

“Aber..?”

“.. bei meinem letzten Job hab ich elf fünfundsiebzig gekriegt.”

“11, 75? Das sind ja gerade mal fünfundsiebzig Pfennig mehr. Warum fordern Sie denn plötzlich so viel?”

“Warum..? Weil man mit dem bisschen Geld nicht hinkommt. Können Sie nicht.. sagen wir, einen anderen Grund angeben, warum Sie mich nicht einstellen?”

Sie rückte die Brille zurecht.

“Was denn für einen?”

Eigentlich sah sie ganz nett aus. Als wäre sie gerade aus dem Bett gestiegen. Verwuseltes Haar, chinesische Teezähnchen. Ich meine, ist doch schöner als perfekt. Eine Personalchefin muss kein Top-Mannequin sein. Dazu dieses neugierige kleine Stupsnäschen. Wie süß. Wen kümmerte da das bisschen Brille..

“Vielleicht.. dass ich untauglich wäre für den Job?”

“Das ist einfache Maschinenarbeit. Das kann jeder.” Sie gackerte.

“Hm ja.. Oder Sie hätten sich für einen anderen Bewerber entschieden. Es haben sich doch mehrere Leute vorgestellt, oder nicht.”

“Damit wir uns recht verstehen, junger Mann.” Ihre Stimme bekam einen harschen Klang, so als hätte sie plötzlich den Kehlkopf durchgedrückt und stünde nun kerzengerade vor mir. “Wir suchen Mitarbeiter für mehrere Maschinen, und soviel Leute hat uns das Arbeitsamt gar nicht geschickt. Und den meisten, die erschienen sind, ist der Stundenlohn zu gering. Wie Ihnen.”

Mir ging es gar nicht um den Stundenlohn. Ich hatte einfach keine Zeit für den Job, ich hatte genug zu tun. Nachmittags war ich Kofferträger im Hotel und verteilte das Gepäck der ankommenden Reisegruppen, nachts arbeitete ich an der Rezeption und beschiss den Chef, wenn ich ein Zimmer schwarz vermietete. Ich klüngelte an allen Fronten. Die Dinge liefen gut in diesem Sommer. Ich war seit anderthalb Jahren mit der Gräfin zusammen, die Sonne war draussen, ich hatte Bargeld satt.

Eine kurze Zeit waren die Dinge Honig, im Sommer 1988.

Nur wenn ich die Zeitung aufschlug, wurde mir zunehmend mulmig. Konjunkturaufschwung, las ich. Jobs, Jobs, Jobs. Was bedeutete, dass möglicherweise selbst für Loser wie mich womöglich ein Pöstchen heraussprang, ein sozialversicherungspflichtiges. Aber davon hatte niemand etwas. Ich würde alles nur kaputtmachen mit meinen zwei linken Händen und Kopfhälften. Nein. Es konnte ruhig alles so bleiben, wie es war.

Pünktlich zum Monatsende überwies Nürnberg die Arbeitslosenhilfe auf mein Konto, nicht sehr viel, doch es reichte für Miete, Strom und eine Tageszeitung. Für den Rest, fürs High Life, wie meine Eltern das nannten, jobbte ich im Turmhotel. Bezahlt wurde cash auf die Hand, in Dollar das Koffertragen, in D-Mark der gelegentliche Nachtdienst. Ich fühlte mich wie Onkel Dagobert im Geldspeicher. Hier ein Zwanni, da ein paar abgegriffene Dollarnoten.

“Things are really honey”, sang ich vor mich hin, eine Zeile aus einem Popsong. Ich hatte vergessen, welcher Song. War ja auch egal. Die Dinge waren Honig, in jenem Sommer 88, bis zu jenem Tag, dem Vorstellungstermin in einem alten Wuppertaler Gewerbegebiet, bei Frau Patzke.

Ich war Mitte zwanzig und wusste immer noch nicht, was ich werden wollte, wenn ich mal groß bin. Schon Jahre zuvor, als Pepe im Knast saß und wir uns gegenseitig Briefe schrieben, war Pepe auf den Punkt gekommen.

Er beschwerte sich darüber, dass dieser Staat sich anmaßte, darüber zu entscheiden, welche Drogen seine Bürger nehmen dürften und welche nicht. Die sollen uns gefälligst in Ruhe lassen, schrieb Pepe zornig, wir tun diesem Land doch nichts. Wir gehen unserer Arbeit nach und zahlen Steuern, dann können wir auch abends was kiffen oder ein Näschen Koks ziehen, das ist doch unsere Sache. Was geht das den Staat an, was ich mit meiner Kohle veranstalte!

Er zählte einige Kumpel auf, die gerne ihrer Arbeit nachgingen und Steuern zahlten. Zuletzt kam er bei mir an, und jäh riss der Faden. Es wollte ihm partout keine bezahlte Beschäftigung einfallen, die zu mir passte.

Du bist ein Outlaw, schrieb er. Dir wird im Leben nichts anderes übrigbleiben, als einen Sommerhit zu schreiben. Dann hast du ausgesorgt.

Ansonsten sah er schwarz.

Frau Patzke, die Leiterin des Personalbüros, starrte auf meine Finger, die eine Zigarette rollten. Ihr Blick verriet erst Ungläubigkeit, dann Hass. Da war nichts mehr mit Stupsgesicht und Teezähnchen. Da war kaum noch Nase. Nur noch Brille, Kassengestell. Ich war zu weit gegangen. Den Tabak aus der Gesäßtasche zu ziehen und mir eine zu friemeln.. Tabak krümelte auf die weiße Resopalplatte des Schreibtischs. Das Gespräch war am Tiefpunkt angekommen.

“Also, das müssen Sie schon selbst entscheiden”, giftete sie. “Wenn Sie mit elf Mark Stundenlohn bei einer Vierzig-Stunden-Woche zufrieden sind, können Sie Montagfrüh anfangen, Punkt sieben Uhr dreißig, und wenn nicht, dann nicht.”

Das Gespräch neigte sich dem Ende zu, mit riesigen Schritten – nein, es war schon draussen auf dem Gang. Ich hörte es trappeln, bis hierhin. Ich saß in der Falle. Das war exakt die Situation, die man bei einem Vorstellungsgespräch unbedingt vermeiden sollte: wenn nichts mehr vor und zurück ging und man selbst der Gelackmeierte in der ganzen Geschichte war.

Der in der Tinte steckte.

“Elf Mark sind zu wenig”, sagte ich und steckte die fertiggedrehte Kippe ein. Ich hatte nie vorgehabt, in ihrem Büro eine zu rauchen. “Da bleiben doch gerade mal tausend Mark im Monat.”

Sie zog eine veraltete Rechenmaschine heran und tippte mit flinken Fingern Zahlen ein.

“.. sind genau.. elfhundertneunzig netto, Steuerklasse eins.”

Ich griff zur finalen Maßnahme.

“Sie hätten doch gar nichts davon, wenn ich hier Montag anfange und nach, sagen wir, zwei, drei Wochen wieder in den Sack haue.”

“Da haben Sie wohl recht”, sagte sie und erhob sich rasch. “Davon hätte ich nur jede Menge Papierkram.” Sie ging zur Tür und öffnete sie, flankiert von einer kühlen Kopfbewegung: UND JETZT RAUS HIER, FAULER POLAKKE!

Ich schlich davon, wie ein begossener Pole.

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4 Gedanken zu „Die Dinge waren Honig im Sommer 86

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